Dolomiten total

Brigitte hatte ganz klare Vorstellungen davon, was wir machen und vor allem wie wir uns aufeinander einstellen und uns kennenlernen würden. Wir haben zwar gemeinsam den Übungsleiterkurs gemacht und bei den Prüfungen geschwitzt und gezittert, aber geklettert sind wir noch nie zusammen. Außerdem hatte sie für sich ganz klare Routenziele. Doch um die mit meiner Hilfe als Vorsteiger umzusetzen, bedurfte es einer schrittweisen Vorbereitung. Die erste Route, die sie noch am Nachmittag unseres Ankunfttages ausgewählt hatte, war die Südkante am Kleinen Falzaregoturm. Sieben Seillängen im 5. Grad. Gemütlicher Abstieg. Ich sollte mich an das Gestein gewöhnen und an die spärliche Absicherung.

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Die Südkante am Kleinen Falzaregoturm ist eine gut gesicherte, traumhaft schöne Genußkletterei, die mich allerdings nicht gerade auf das eingestellt hat, was noch kommen sollte.

Am nächsten Tag führte sie mich an die Direkte Südostwand des Torre Grande. Hier erwarteten mich gerade umgekehrte Verhältnisse. In dieser modernen Route war die Absicherung perfekt, denn es gab Bohrhaken. Allerdings musste hier bis 6+ geklettert werden. Die gute Absicherung war auch der Grund, warum diese Tour sehr häufig begangen wird und dementsprechend „abgeschmiert“ ist. Das bedeutet, dass die Griffe regelrecht blank poliert und deshalb oft sehr schwer zu halten sind. Prompt bin ich in der Schlüsselstelle auch gestürzt. Aber der Haken und Brigitte haben mich butterweich gehalten. Im zweiten Versuch klappte es dann problemlos.

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Der Torre Grande nah am Falzarego-Pass und die kleineren Türme um ihn herum sind ein perfekt abgesicherter Klettergarten, wo man auch in schweren Routen klettern kann, ohne ständig an Tod und Verderben durch ausbrechende Haken denken zu müssen.

Mit der dritten Route am dritten Tag wollte Brigitte nun Ernst machen und hatte mit der Drachenführe an der Westwand des Lagazuoi Nord eine typische Dolomitentour ausgewählt: 12 Seillängen, Stände an rostigen Normalhaken, fast keine geschlagenen Zwischensicherungen und schon gar keine Bohrhaken. Dafür aber viele Seillängen im 5. und 6. Grad. Die Schlüsselstelle war sogar eine 6+. Sie wollte meine Nerven strapazieren und sehen, was passiert.

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Die Westwand des Lagazuoi Nord (links im Bild) ist wenig besucht, obwohl sie traumhaft schöne Kletterei in gutem Fels bietet. Das liegt sicher an der nahezu vollständigen Abwesenheit von irgendwelchen Haken und auch die Stände sind von miserabelster Qualität. Im rechten Bild die Schlüsselseillänge, eine seichte Rissverschneidung.

Ich habe den Test wohl bestanden, denn wir sind am nächsten Tag in das Herz der Dolomiten gefahren zu den weltberühmten Drei Zinnen. Als sie mir bei einer Wanderung um diese Felsriesen zeigte, was sie mit mir vorhatte, blieb mir gleich mehrfach die Luft weg. Die Gelbe Kante an der Kleinen Zinne ist eine der ganz großen klassischen Routen der Dolomiten. Mit 13 Seillängen ziemlich lang, extrem ausgesetzt also mit wahnsinnig viel Luft unter dem Hintern und mit mehreren Seillängen im 6. Grad. Nach einem Ruhetag sollte es dann in die Nordwand der Großen Zinne (17 SL bis VII) gehen. Brigitte wollte sich damit gleich zwei Lebensträume verwirklichen. Für mich wären dies zwei Routen, die alles in den Schatten stellen würden, was ich bis dahin geklettert bin. Nach einem von einer Kaltfront erzwungenen Ruhetag brachen wir zur Gelben Kante auf.

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Suchbild mit Menschen! Die Gelbe Kante an der Kleinen Zinne vom Gipfel des Preussturms aus gesehen. Die gewaltigen Dimensionen sind schon atemberaubend!

Es war ziemlich kalt an diesem Morgen, drei Grad zeigte das Thermometer. Immerhin waren wir ja auf 2300 m Höhe. Von unserem Schlafplatz bis zum Einstieg liefen wir nur eine knappe Stunde. Schon die beiden ersten Seillängen waren keineswegs geschenkt, doch da ich dort gut durchkam, und auch die Anzahl und die Qualität der Haken die ich vorfand, wesentlich besser waren als zum Beispiel am Lagazuoi Nord, wuchs mein Selbstvertrauen. Doch in den Dolomiten gibt es noch ein ganz anderes Problem. In den riesigen Wänden ist es häufig sehr schwierig, den richtigen Weg zu finden. Sehr oft gibt es sogenannte „Verhauerhaken“, die einem den falschen Weg weisen. Das sind geschlagene Haken, die von Seilschaften stammen, die sich verstiegen haben, und welche an diesen Haken wieder in die richtige Route zurückgekehrt oder abgeseilt sind. Na jedenfalls bin ich gleich mehrmals anders geklettert als die Route verlief, was meist deutlich schwieriger war als der eigentliche Weg. Brigitte zeigte sich schon mal unzufrieden, mit meiner Routenfindung.

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Dieser Morgen war zwar kühl, dafür beschenkte er uns mit traumhaft schönem Licht und einem grandiosen Blick auf die südseitig ausgerichtete Gelbe Kante. Diese klassische Route auf die Kleine Zinne stammt übrigens von dem großen italienischen Klettertalent Emilio Comici, der diesen Weg schon 1933 erstbegangen hat.

In der Gelben Kante weist erst die 10. Seillänge die Hauptschwierigkeit auf, eine überhängende sehr kraftraubende Rissverschneidung. Die ganze Zeit hatte ich Angst davor, denn soweit oben, wäre ein Rückzug durch die Route nicht mehr möglich gewesen. Ein Kletterer muß hier schon genau wissen, was er sich zutrauen darf. Brigitte war der Meinung, ich könnte das schon. Und sie hatte Gott sei Dank auch Recht. Danach hatten wir eine der schönsten Kletterrouten der Dolomiten in der Tasche.

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Die Gelbe Kante weist in der Originalversion nur Schwierigkeiten bis 6+ auf. Aber die 13 Seillängen wollen erst mal geklettert sein. Dementsprechend geschafft waren wir beide dann, als wir endlich den Gipfel erreicht hatten.

Dass das an der Nordwand der Großen Zinne genauso reibungslos gehen würde, bildete ich mir allerdings nicht ein. Von den insgesamt 17 Seillängen sind sage und schreibe acht meist überhängend mit gleichbleibend hoher Schwierigkeit im unteren 7. Grad. Unter uns gesagt, hatte ich dort eigentlich nichts zu suchen, denn ich kann zwar so schwer klettern, aber doch nicht so viele Seillängen hintereinander. Außerdem hatte ich kein so übermäßiges Vertrauen in mein Nervenkostüm. Die gesamte Nordwand ist senkrecht bis überhängend und 500 m hoch. So etwas muß man wohl gewöhnt sein. Also bestand ich auf einem Selbsttest. Ich wollte die ersten vier Seillängen an unserem Ruhetag nach der Gelben Kante probieren, um zu sehen, ob ich mir das überhaupt zutrauen darf. Ich hoffte, dass wir vom vierten Stand noch ohne Probleme wieder abseilen können. Erst wenn ich diesen Test bestand, würde ich einen Versuch wagen.

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