Nimbus 8000er

Es gibt in den großen Gebirgen auf unserem Planeten eine schier unendliche Menge an Wundern. Die Palette reicht vom Mount Everest bis zu einer millionstel Gramm leichten Schneeflocke, die auf unserer Handfläche schmilzt. Doch das, was die Leute vor allem fasziniert, sind die Riesenberge, besonders die Achttausender, allen voran der höchste Berg der Erde, die Chomolungma, wie sie die Tibeter nennen, die Göttin Mutter der Erde.

Der Mount Everest vom Gipfel des 6169 m hohen Nirekha Peaks aufgenommen.

Jedes Mal, wenn ich mit meinen Gästen in der Khumbu-Region des Himalayas unterwegs bin, bekomme ich das bestätigt. Fast alle wollen ins Basislager des Mount Everest, um einmal vor dem höchsten und gewaltigsten Berg auf diesem Planeten zu stehen. Und natürlich gehören dann auch wir dazu.

Doch was macht eigentlich den Nimbus dieser Berggiganten aus? Wieso sind sie so begehrt, sowohl bei den Alpinisten als auch den Hobbybergwanderern und Instagram-Selfiejägern?

Begründet wurde dieser Nimbus schon in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Die Versuche der Engländer am Everest; das Verschwinden von George Mallory und Andrew Irvine weit oben im Gipfelbereich; die Spekulationen, ob sie vielleicht nicht doch am Gipfel gewesen sein könnten; die unglaubliche Dramatik der Besteigung des allerersten Achttausenders, der Annapurna, bei der Maurice Herzog alle Finger und Zehen verloren hat und um ein Haar umgekommen wäre; der spektakuläre Alleingang Hermann Buhls auf den Gipfel des Nanga Parbats; die Erstbesteigung des Everest 1953 durch Edmund Hillary und Tensing Norway genau zur Krönung von Königin Elizabeth der II. usw.

Der 8125 m hohe Nanga Parbat. Schicksalsberg der Deutschen, weil so viele deutsche Alpinisten an ihm ihr Leben gelassen haben.

Die Bücher über diese Triumphe und Tragödien wurden damals schon hunderttausendfach verkauft.

Getoppt wurde das dann aber noch einmal durch Jon Krakauers Weltbestseller „Into thin air“. Der deutsche Titel lautet „In eisigen Höhen“. Dieses millionenfach verkaufte Buch beschreibt die tragischen Ereignisse 1996 als sich Rob Hall und Scott Fischer einen tödlichen Wettkampf lieferten, wer die meisten zahlenden Gäste auf den Everest bringen kann.

Beide kamen dabei um und ein Dutzend derer, die sich ihnen anvertraut haben, ebenfalls.

Der 8516 m hohe Lhotse mit seiner gewaltigen Südwand.

Anschließend geschah etwas nur scheinbar paradoxes. Die Leute waren nicht etwa abgeschreckt! Im Gegenteil: Der Hype am Everest war nun nicht mehr zu bremsen. Eine Besteigung des höchsten Berges der Welt, wo die Leute sterben wie die Fliegen, machte sich gut in der Biographie.

Und der Messner Reinhold hat natürlich mit seiner von ihm verursachten Bücherflut auch keinen geringen Anteil an den Menschenmassen in der Todeszone. Auch wenn er das gar nicht so gerne hört, ist es dennoch eine Tatsache.

Die anderen Gründe für das Achttausenderimage sind wohl mehr objektiver Natur. So ein über 8000 m hoher Berg ist nämlich tatsächlich vor allem eins: Unglaublich groß. Die Dimensionen sprengen die Vorstellungskraft besonders von denen, die noch nicht selber an solch Riesenbergen unterwegs gewesen sind.

Der 8485 m hohe Makalu vom Lager 1 des Baruntse aus gesehen.

Beim Einrichten der Lager am Berg lernt man, was Lastentragen unter massivem Sauerstoffmangel in 6000 oder 7000 m Höhe bedeutet. Oder Spuren im Tiefschnee, Fixseile schleppen und verlegen über tausende und abertausende von Höhenmetern. Und dabei fühlt man sich, als hätte einen eine Dampfwalze überfahren. Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaf- und Appetitlosigkeit, sowie permanenter körperlicher Verfall sind die ständigen Begleiter beim extremen Höhenbergsteigen.

Das vor allem macht einen 8000er aus. Zumindest wenn man diese Dinge, die eine Besteigung so anstrengend machen, selbst erledigt und nicht von anderen, zum Beispiel von Sherpas erledigen läßt.

Der 8201 m hohe Cho Oyu mit seiner Südostwand von der Alm Gokyo aus gesehen.

UND wenn man natürlich bei all dem keinen zusätzlichen Flaschensauerstoff atmet. Alles andere ist nämlich hochgradiger Selbstbetrug. Künstlichen Sauerstoff an einem Berg anzuwenden, dessen einzige Herausforderung seine große Höhe darstellt, ist so ungefähr das gleiche, wie ein Fahrrad bei einem Marathonlauf zu benutzen.

Und dann sind da noch die alpinen Gefahren, die sich an diesen gewaltigen Gipfeln logischerweise potenzieren: Kälte und Höhenexposition stehen hier Hand in Hand weit vorn an erster Stelle. Die Erfrierungsgefahr schwebt wie ein Damoklesschwert immer über den Höhenbergsteigern.

Der 8080 m hohe Hidden Peak im pakistanischen Karakorum Gebirge. Der bisher letzte 8000er, den ich besteigen konnte.

Doch auch die Gefahr von Lawinen, Eisschlag, Gletscherspalten, Wetterstürzen, Stürmen, White Out usw. ist an großen Bergen einfach größer als an kleinen. Man muss nicht lange darüber nachdenken, wieso das so sein soll. Ganz einfach deshalb, weil die Verweildauer in den Gefahrenzonen länger ist. Die Wege sind eben so viel weiter! Und man ist wegen des geringen Sauerstoffpartialdruckes wesentlich langsamer unterwegs.

Sechs Mal war ich inzwischen an solchen Riesenbergen unterwegs, und sie waren für mich vor allem eine Schule, in der ich Demut und Verzicht gelernt habe.

Für mich bedeutet Demut die Erkenntnis, dass etwas größer ist als man selbst. Und wenn es dabei um Berge geht, dann folgen aus dieser Erkenntnis gleich eine ganze Reihe von Eingeständnissen. Berge sind SO VIEL größer als ich, so viel stärker. Jederzeit können sie mich wie lästiges Ungeziefer aus ihrem eisigen Pelz schütteln. Ich bin gänzlich machtlos ihnen gegenüber. Lawinengefahr, Stein- oder Eisschlag, Wetterstürze, die Wirkung von Höhe und Kälte! All das entzieht sich meinem Einfluss.

Der 8035 m hohe Gasherbrum II im Karakorum.

Wenn ich vor einem dieser Himalayariesen stehe, dann kann ich regelrecht körperlich spüren, dass ich nur ein winziger Punkt auf der unendlichen Achse der Zeit bin, ein bedeutungsloser Winzling, begrenzt in jeder Beziehung. Diese Bergriesen werden immer noch da sein, wenn die „klugen Tiere, die sich Menschen nennen und das Erkennen erfanden“ (Nietzsche), schon längst vom Antlitz der Erde verschwunden sind.

Und das ist für mich sogar ein sehr tröstlicher Gedanke: Wir Menschen haben uns die Berge eben noch nicht vollständig untertan gemacht. Hier gibt es immer noch Wunder, über die wir Staunen können. Hier finden wir immer noch Ruhe und Einsamkeit. Hier lernen wir, was Größe und Erhabenheit wirklich bedeuten. Und um das zu erleben, reichen auch bei weitem kleinere Gipfel als die 8000er.

Das einzige, was wir dafür tun müssen, ist hingehen.

Der 8611 m hohe K2 ist der zweithöchste Berg der ERde und gilt als der schwierigste Achttausender. Das Foto habe ich vom Concordia-Platz auf dem Baltoro-Gletscher aufgenommen.

 

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