Der letzte Gipfel
Das Imja-Tal ist mein Lieblingsort im Khumbu. Und warum das so ist, habe ich heute morgen (10.03.) wieder sehr eindrucksvoll gespürt. Die Erhabenheit und schiere Größe der gewaltigen Südwände von Nuptse, Lhotse, Lhotse Shar, Peak 38 und Shartse hauen mich immer wieder um.

Nuptse (links), darüber bzw. dahinter der Gipfel des Mount Everest, rechts Lhotse und Lhotse Shar in einem ganz besonderen Abendlicht.
Sie formen die gewaltigste Felsmauer unseres Planeten. Etwa 20 Kilometer ist sie breit und zwischen 3000 und 3500 m hoch. Das sind mehr als zwei Eigernordwände übereinander.
Und von keinem Ort aus ist diese Megawand besser zu bewundern, als vom Gipfel des 5556 m hohen Chukhung Ri. Ihn zu besteigen und den ultimativen Ausblick auf die Wand der Wände werfen zu können, war unser Ziel im vierten und letzten Tal unserer Vier-Täler-Tour hier im Everest-Gebiet.

Beim Aufstieg. Wir sehen hier einen Großteil der Südwände von Nuptse und Lhotse. Im Bild eingezeichnet der Gipfel des Chukhung Ri.
Viele große Alpinisten waren an dieser Riesenwand erfolglos. Auch Reinhold Messner holte sich als Leiter einer internationalen Expedition eine blutige Nase.
Sogar der erfolgreichste und beste Höhenbergsteiger aller Zeiten, der polnische Bergarbeiter aus Katowice, Jerzy Kukuczka, scheiterte an der Riesenwand. Kukuczka war der zweite Mensch, dem die Besteigung aller 14 Achttausender gelang.

Jerzy Kukuczka war nicht nur für seine3 enorme Härte und Zähigkeit bekannt. Vor allem seine psychische Stärke war legendär. (Foto: Wikipedia)
Doch das besondere an Jerzy Kukuczkas Leistung war nicht nur die Geschwindigkeit mit der er diese 14 Weltberge bestieg. Er benötigte dafür nur die Hälfte der Zeit, die Messner dazu gebraucht hatte.
Kukuczka konnte insgesamt vier Achttausender-Wintererstbesteigungen realisieren, zwei davon 1985 innerhalb von nur drei Wochen (Dhaulagiri und Cho Oyu), 11 der 14 Bergriesen bestieg der Pole über eine neue Route. Drei dieser Erstbegehungen verwirklichte er sogar im Winter.

Dieser Gedenkstein für die an der Lhotse Südwand ums Leben gekommenen polnischen Alpinisten steht auf dem Weg zwischen Chukhung und Dingboche.
Dabei setzte er alpinistische Meilensteine wie die erste Durchsteigung der Südwand des K2, die Erstbegehung des Everest-Südpfeilers oder die erste Solo-Besteigung des Makalu über dessen Nordwestgrat.
Diese Gesamtleistung ist um ein vielfaches höher anzusetzen als die Messners. Denn ihm standen weitaus größere finanzielle Mittel und andere Möglichkeiten für die Umsetzung dieses alpinen Jahrhundert-Projektes zur Verfügung als dem polnischen Bergarbeiter aus Katowice.
Als Kukuczka alle 14 Achttausender bestiegen hatte, hörte er nicht etwa wie Messner mit dem Höhenbergsteigen auf. Er nahm sich die Lhotse- Südwand vor, das große noch ungelöste Problem des Himalayas. Sein Seilpartner war Ryszard Pawłowski. Am 24. Oktober 1989 stürzte Jerzy Kukuczka an der Südwand auf einer Höhe von 8200 m tödlich ab.

Ryszard Pawłowski beim Briefing in Pakistan vor unserem Aufbruch zum Hidden Peak 2012. Wir hatten damals ein sogenanntes Permitsharing mit der polnischen Expedition von Pawłowski gemacht, uns die Besteigungserlaubnis für den Hidden Peak also geteilt. Pawłowski konnte mir ganz genau erzählen, was sich am Todestag Kukuczkas tatsächlich zugetragen hat.
Am 24. April 1990 meldete der Slowene Tomo Česen eine Durchsteigung der Lhotse-Südwand bis zum Gipfel. Seinem Vorhaben gingen jahrelange Vorbereitungen und Monate des Routen- und Wetterstudiums an der Wand voraus.
Die Tage seines Aufstiegs, das Erreichen des Gipfels und der Abstieg über dieselbe Route fielen nachweislich mit einer Vollmondphase zusammen, was entscheidend war, da Česen durch Stein- und Eisschlag nur in der Nacht einigermaßen sicher und alleine klettern konnte.
Als Beweis für seine Besteigung legte Česen der französischen Zeitschrift Vertikal ein Foto vor, das aber nicht von ihm gemacht wurde. Česens Begehung wird deshalb stark angezweifelt und gilt offiziell als unbelegt.
Im Oktober 1990 war eine sowjetische Expedition unter Zuhilfenahme von zusätzlichem Sauerstoff an der Lhotse-Südwand erfolgreich. Der Ukrainer Serhij Berschow und der Russe Wladimir Karatajew erreichten nachweislich den Gipfel.
Und auch wir hatten Erfolg, allerdings nicht am Lhotse sondern an seinem kleinen Vorgipfel, dem Chukhung Ri.

Das Gipfelteam von links nach rechts: Wolfgang, Achim, Te Kumar, Evi, Andreas und Dörte. Im Hintergrund der 7861 m hohe Nuptse.
Abermals blieb uns das perfekte Wetter treu. Wir freuten uns da oben über glasklare Luft bei fast gänzlicher Windstille. Diese Gruppe hat ein geradezu unverschämtes Wetterglück. Scheinbar wirken schöne Pujas mit einer großzügigen Vergütung ziemlich gut.
Evi, Dörte, Wolfgang, Achim, Andreas und Te Kumar Rai haben sich bis ganz nach oben gekämpft.
Und nun geht es in großen Schritten abwärts mit uns. Noch am Chukhung-Ri-Gipfeltag sind wir nach Dingboche abgestiegen. Tags darauf ging es weitere 600 Höhenmeter bergab nach Tengboche, wo das berühmte Kloster steht.
Am 12. März haben wir Namche Basar erreicht. Übrigens genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn da wir hier einen Ruhetag einlegen, erwischen wir den Basar noch, der diesem Ort den Namen gegeben hat.

Das Kloster Tengboche. Es ist einer der bekanntesten und meistbesuchten Orte hier im Khumbu-Himalaya am Fuße des Mount Everest. Auf diesem Foto ist übrigens oben rechts der 6186 m hohe Kyajo Ri zu sehen, neben dem Pumo Ri (7161 m) und dem 6187 m hohen Pachermo Peak ein weiteres Ziel unserer großen Herbstexpedition im Khumbu in diesem Jahr.
So, und nun wird es ganz zum Schluss noch einmal aufregend. Wir brauchen dringend gutes Wetter für unseren Rückflug nach Kathmandu. Daumendrücken wird wieder erwünscht.
Apropos erwünscht: Ich wünsche mir und freue mich immer sehr, wenn sich einer meiner Gäste die Mühe macht, seine Sicht auf unsere gerade zu Ende gehende Reise an dieser Stelle zum Nachlesen zur Verfügung zu stellen. Die nepalerfahrende Grit wird das tun, und das finde ich gerade ganz besonders gut.



