Der nihilistische Pinguin
Die erste Frage, die sich mir gestellt hat: Wieso ist dieser Pinguin gerade jetzt ein virales Internetphänomen geworden, ein YouTube-Star aus heiterem Himmel? Warum machen sich die Leute so viele Gedanken über diesen scheinbar todessehnsüchtigen Pinguin? Ich finde den momentanen Hype um einen Pinguin spannend. Aber worum geht es eigentlich? Und vor allem, was hat das mit mir zu tun?
Es geht um Werner Herzogs Dokumentation „Begegnungen am Ende der Welt“, die er 2007 gedreht hat. Werner Herzog ist nicht irgendwer. Er ist ein deutscher Filmemacher mit Weltruhm. Ein Beispiel für sein Ausnahmetalent ist gleich sein erster abendfüllender Spielfilm, den er im Alter von 24 Jahren realisierte. Er gewann aus dem Stand den deutschen Filmpreis. Viele andere sehr erfolgreiche Filme folgten. Die Zeitschrift Time zählte ihn zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt.
Pinguine sind wirklich zum Dahinschmelzen. Sehr zutraulich und völlig unbedarft uns Menschen gegenüber. Man hat sofort das Bedürfnis, sie zu beschützen. Also ich hätte diesen kleinen, verwirrten Pinguin auch retten wollen! Hier Bilder von meiner kombinierten Kajak-Berg-Expedition zum Monte Sarmiento auf Feuerland. Die beiden Fotos zeigen Magellanpinguine.
Herzog hat neben seinen Spielfilmen auch vielbeachtete Dokumentationen geschaffen. Sein Dokumentarfilm „Begegnungen am Ende der Welt“ wurde von Kritikern hochgelobt. Manche sahen in ihm Herzogs besten Film überhaupt. Sogar für den Oscar wurde er nominiert.
Schauplatz dieses Films ist die Antarktis. Herzog trifft vor allem Menschen, die dort leben und arbeiten. Außerdem besucht er einige besonders bemerkenswerte Orte des Kontinents, unter anderem auch den Südpol.
Und natürlich trifft er in der Antarktis auf Pinguine. Er besucht eine riesige Kolonie Adéliepinguine. Bei den Filmaufnahmen geschieht das, was gerade jetzt 20 Jahre später in den sozialen Medien einen solchen Hype ausgelöst hat:

Eine große Pinguinkolonie auf Feuerland. Sie vertragen sich gut mit Walrössern. Dieses Bild stammt von meiner Expedition zum Monte Sarmiento.
Anstatt der Gruppe in Richtung Meer zu folgen, um Fische zu jagen, dreht sich ein einzelner Pinguin um und läuft geradewegs ins Landesinnere. Sie rührt einen schon an, diese traurige Szene. Dort, wohin er sich wendet, liegen 5000 Kilometer Kälte und Eis vor ihm. Ihn erwartet der sichere Tod. Kurz bleibt er noch einmal stehen und schaut sich um. So als wollte er uns ein letztes Mal seine Entschlossenheit bekunden, seine Welt für immer zu verlassen. Es hätte keinen Zweck, ihn zur Kolonie zurückzubringen. Er würde sofort wieder umkehren.
Aber warum tut er das? Weiß er es? Ist ihm bewusst, dass er den sicheren Tod wählt?
Was die Menschen an diesem Pinguin gerade so sehr fasziniert, ist vermutlich das Menschliche in diesem Verhalten. Die scheinbare Wahnsinnstat. Seine Hartnäckigkeit, mit der er etwas völlig Unvernünftiges tut, zieht uns irgendwie in den Bann. Denn auch wir Menschen machen sowas immer wieder.

Der Monte Sarmiento ist für mich der schönste Berg auf diesem Planeten. Und wir waren tatsächlich fast oben!
Und in den Augen sehr vieler Menschen sind ganz besonders solche Leute wie wir dem Wahnsinn verfallen. Bergsteiger, die sich ohne Not umdrehen und in die falsche Richtung laufen. Nicht nach unten zu den anderen in die Wärme an den Ofen, zu den gedeckten Tischen und den gefüllten Kühlschränken. Sie gehen nach oben, dort wo Kälte, Fels und Eis, unabsehbare Gefahren und Atemnot auf sie warten. Dorthin, wo sie ganz allein sind und niemand mehr helfen kann, wenn etwas passiert.
Warum tun WIR das? Und in unserer unbeirrbaren Sturheit tun wir es sogar immer und immer wieder. Uns könnte man auch beharrlich in unsere Sippe zurückversetzen oder ins Warme an den Ofen tragen. Wir würden schnurstracks aufs Neue losziehen und wieder alles aufs Spiel setzen: Unser Lebensglück, die Familie, unsere Partnerschaft, Gesundheit, Leben, einfach alles. Was soll das?
Wieso das Pinguine tun, fragt man selten. Weil es partout keine Antwort darauf gibt, und das ist für uns sehr unbefriedigend. Es ist unmöglich zu wissen, ob Werner Herzogs Pinguin vielleicht einfach nur sterben wollte, oder ob er seine Artgenossen satt hatte, oder ob er sich plötzlich für einen Albatros hielt, oder ob er tatsächlich einfach nur verrückt geworden ist.

Unsere Route in der 600 m hohen fast senkrechten Eiswand auf der Südwestseite des Berges (Foto: Ralf Gantzhorn).
Und bei uns Menschen ist es so ähnlich. Dieser Auftrieb, dem wir verfallen sind, ist einem Nichtbergsteiger auch nur sehr schwer nahezubringen. Vielleicht hilft ein Blick auf das Foto oben vom Monte Sarmiento. Schönheit hat eine regelrecht planetarische Anziehungskraft auf mich. Ich spreche ja immer von der hohen Qualität des Erlebens, der wir auf unseren Expeditionen nachjagen. Jerzy Kukuczka, der polnische Bergarbeiter aus Katowice, der als zweiter Mensch alle vierzehn 8000er bestiegen hat, meinte, dass er auf einer einzigen Expedition mehr erleben würde als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben.
Und als eine gute Freundin den Film über das kurze Leben des Marc-André Leclerc, „Der Alpinist“ , gesehen hatte, war für sie die Sache ganz einfach: „Er lebte, was er liebte. Er hat alles richtig gemacht. Der Erfolg eines Lebens misst sich nicht an der Menge, sondern an der Qualität der gelebten Jahre. Er war, so glaube ich, 25 Jahre lang 200 % glücklich.“
Im Herbst ist es soweit. Es geht wieder in die „falsche“ Richtung. Diesmal hinauf auf den wunderschönen 7000er Pumo Ri im Nordosten Nepals. Er ist tatsächlich der Berg, um den ich schon am längsten herumschleiche. Länger als um jeden anderen und zwar Jahr für Jahr seit 1994. Doch ich habe nicht vor, dort wie der nihilistische Pinguin auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Ich will heil wieder runterkommen und endlich den neuen Vortrag über die schönsten Berge der Erde auf den Weg bringen. Zu erzählen habe ich nun wirklich mehr als genug!
Und wenn Sie ein Teil dieser Expedition werden möchten, dann klicken Sie mal auf das Bild:

Die Grußpostkarte zeigt unseren Traumgipfel, aufgenommen kurz vor der kleinen Lodgesiedlung Gorak Shep unweit des Everest Basislagers.


