Dünne Luft!

Die Luft wird dünner. Wir sind ständig außer Atem. Aber wir haben es nicht anders gewollt. Daran können wir derzeit nichts ändern, es sei denn wir kehren um. Aber das will hier niemand. Woran wir aber sehr wohl etwas ändern können, ist unsere Anpassung an den sich ständig vermindernden Sauerstoffpartialdruck. Doch das ist Arbeit. Nicht unbedingt für uns, wohl aber für unsere Körper. Ein seltsamer Widerspruch? Nein.

Gegenverkehr auf der höchsten Hängebrücke Nepals.

Wir brauchen Ruhe und Zeit, weil unser Körper schuften muss: Jede einzelne Zelle muss sich an den Sauerstoffmangel anpassen. Das ist anstrengend und deshalb müssen wir ihn in Ruhe lassen und höchstens Wanderungen mit dem Charakter von entspannten Spaziergängen unternehmen. Genau das haben wir in den letzten drei Tagen gemacht, nachdem wir am vergangenen Montag (23. Februar) in Namche (3450 m) eingetroffen sind.

Akklimatisation ist hier im Himalaya alles, und ich wundere mich jedes Mal aufs Neue, wie wenig ich danach gefragt werde. Wenn ich ein Ranking aufstellen würde, welches die am häufigsten an mich gestellten Fragen sind, so steht an erster Stelle die nach den Temperaturen. Vor allem nach den möglichen Frostgraden. Dann kommen die täglichen Gehzeiten, die Duschmöglichkeiten in den Herbergen und nicht zuletzt auch die Fragen nach der benötigten Ausrüstung. Und dabei hat niemals irgend etwas davon irgendwann ein Problem verursacht.

Ein besonderer Moment ist das immer, wenn wir nach dem 600-Höhenmeteraufstieg vor der Kulisse von Namche Basar stehen.

Ganz anders die Höhe. Doch Auskünfte zu deren Auswirkungen auf unser Wohlbefinden, zu den täglich zu absolvierenden Höhenmetern oder zur Anpassungstaktik an den Sauerstoffmangel auf unserer Tour werden natürlich auch verlangt, doch die landen regelmäßig abgeschlagen unter ferner liefen…

Dabei ist die Frage nach der Höhenanpassung die alles entscheidende. Denn mit jedem Höhenmeter, der uns den ganz großen Weltbergen näher bringen soll, gibt es weniger und immer weniger Sauerstoff in der Luft. In 5000 m Höhe, und wir wollen sogar noch deutlich höher hinaus, ist der Sauerstoffpartialdruck nur noch halb so groß wie auf Meereshöhe. Aber die gute Nachricht ist, dass wir uns daran gewöhnen können. Und genau aus diesem Grund ist Zeit auf dieser Tour so immens wichtig. Denn Akklimatisation braucht nun mal Zeit!

Aufstieg nach Khumjung. Weiter unten ist Namche noch zu sehen.

Am Dienstag sind wir ganz geruhsam eine Runde von Namche zum Everest View Hotel, anschließend nach Khumjung (3800 m) zum Kloster, dann nach Khunde (auch 3800 m) zum Hillary Hospital und schließlich wieder zurück nach Namche in die Bäckerei geschlendert. Nun schon den dritten Tag in Folge war das Wetter perfekt. Wintermonsun: Morgens klarer Himmel, ab Mittag die ersten Wolken, am späteren Nachmittag dann dichte Wolken und zeitweise Nebel.

Namche liegt zwischen 3400 und 3500 m Höhe oberhalb der Stelle, an der sich die beiden Flüsse Bhote Kosi und Imja Drangka zum Dudh Kosi vereinigen. Der Imja Drangka kommt sozusagen direkt von Everest und Lhotse und entwässert das gesamte östliche Khumbugebiet.

Unser Weg von Namche nach Khumjung und Khunde vor dem 6000er Kongde Ri, dem Hausberg Namches.

Dass Namche werden konnte, was es heute ist, wurde ihm keineswegs in die Wiege gelegt. Es war ursprünglich ein kleiner, unbedeutender und ziemlich armer Ort. Das lag daran, dass die landwirtschaftlich nutzbare Fläche in dem amphitheaterartigen Einschnitt des Hanges, an welchem Namche angelegt wurde, begrenzt ist. Es gab hier über Jahrhunderte nur ein paar wenige armselige Steinhütten.

Doch Namche liegt am Schnittpunkt dreier bedeutender Wege: Da ist einmal der alte Handelsweg über den Pass Nangpa nach Tibet. Zweitens der Weg hinauf zum Fuss des Everest, der aber erst seit höchstens 60 Jahren eine Bedeutung bekommen hat. Der dritte sehr wichtige Weg ist natürlich der hinunter ins Tal in Richtung Salerie und Jiri.

Der erste grandiose Bergblick dieser Tour: Meine tolle Gruppe vor Everest, Nuptse, Lhotse und Ama Dablam.

Diese exponierte Lage ist der Grund, warum Namche zu einem Marktflecken wurde, an dem bis heute an jedem Freitag und Sonnabend ein Basar abgehalten wird. Doch Khumjung und Khunde, die höher gelegenen Nachbarorte Namches, befinden sich ebenfalls an dieser Wegkreuzung, sind jedoch wesentlich größer und auf Grund einer um ein vielfaches umfangreicheren landwirtschaftlich nutzbaren Fläche schon immer wohlhabender. Und hier kann man auch einfacher Häuser bauen.

Trotzdem ist Namche die unangefochtene Metropole der Everest-Region geworden. Und das liegt einzig und allein an der Tatsache, dass Namche nach einem 600-Meter-Aufstieg aus dem Tal der erste Ort ist. Man kann einfach nicht weitere 400 Höhenmeter bis Khumjung oder Khunde aufsteigen, weil dann alle Touristen höhenkrank würden.

Das Supermodel im Khumbu, die 6800 m hohe Ama Dablam.

Und zwischen dem letzten Dorf im Tal (Monju) und Namche gibt es keine Übernachtungsmöglichkeiten. Wenn es Namche an dieser Stelle nicht gäbe, an der es nun mal ist, hätte es vermutlich angelegt werden müssen. 

Das also ist der entscheidende Faktor für die Bedeutung und den gegenwärtigen großen Reichtum Namches. Denn Namche ist auf Grund dieses Höhenunterschiedes kein Durchgangsort, wie buchstäblich alle anderen Siedlungen im Khumbu. Zwischen ihnen können die Aufstiegsdistanzen überall so gewählt werden, dass nicht mehr als 300 bis 400 Meter pro Tag aufgestiegen werden müssen.

Das funkelnagelneue Kloster in Khumjung. Das alte hat leider das Erdbeben nicht überstanden.

Steigt man aus dem Tal nach Namche auf, ist das, wie erwähnt, anders. Und deshalb kann man eben nicht einfach am nächsten Tag weitergehen, sondern muss sich hier ein oder zwei Tage an die Höhe gewöhnen. Die Touristen bleiben also länger, und das hat diesen Ort so wohlhabend gemacht. Und auch wir übernachten gleich drei Mal in Namche bevor es so richtig in die Höhe geht.

Als ich vor nun mehr genau 32 Jahren das erste Mal hierher kam, gab es kaum etwas von dem, was den Ort heute ausmacht ausser ein paar einfachen Herbergen. Es gab keine Bäckereien, keine Internetcafés, keine Billardbars, keine Bergsportläden, kein WiFi, kein Handyempfang, keine Zimmer mit Dusche, keine Spülklosetts, kein Luxushotel und schon gar keine Sherpamillionäre.

Namche bei Nacht mit dem Kongde Ri im Hintergrund.

Dass es das alles heute gibt, finde ich nicht etwa schlecht, im Gegenteil! Ich genieße diesen Komfort in vollen Zügen, wenn ich nach Wochen oder Monaten aus den Bergen komme. Doch manchmal schmerzt mich dieser Wandel schon. Ich möchte natürlich am liebsten, dass alles so bleibt wie es ist (war). In Deutschland leben und immer mal herkommen und mir die uralte Lebensweise der Sherpas reinziehen. Sehr egoistisch. Aber so läuft das eben nicht, und das ist auch gut so.

Doch die Hauptsache, nämlich die einzigartigen Berge rund um Namche Basar, werden auch dann noch da sein, wenn die klugen Tiere, die das Erkennen erfanden, wie Nietzsche schreibt, nach wenigen Atemzügen der Natur wieder sterben mussten.

Das kleine Örtchen Thame ist wunderschön am Fuße des Teng Kangpoche gelegen und aus einem ganz besonderen Grund bei den Sherpas berühmt. Drei der absoluten Supersherpas stammen von hier. Alle drei sind tatsächlich Weltstars: Tensing Norgay, der mit Edmund Hillary den Everest zuerst bestieg. Apa Sherpa der über zwei Jahrzehnte den Weltrekord mit den meisten Everest-Besteigungen hielt. Und nachdem er nun nach 21 Aufstiegen seine Karriere beendet hat, stammt auch sein Nachfolger auf dem Thron des Weltrekordhalters mit inzwischen 31 Besteigungen, Kami Rita Sherpa, ebenfalls aus Thame.

Gestern (Mittwoch, 25.02) sind wir nach Thame (3850 m) gelaufen. Auch das machen wir eigentlich vor allem, um unsere Akklimatisation zu verbessern. Unterwegs haben wir in Thamo angehalten, um in der Khari-Gompa bei meinen tibetischen Nonnen unsere Puja für den nächsten Tag zu bestellen.

Wer diesen alljährlichen Himalaya-Blog hier regelmäßig liest, der weiß, dass ich ohne Puja nirgendwo hingehe. Wir brauchen das Wohlwollen der Berggötter. Und die Nonnen brauchen das Geld, welches sie für diese religiöse Dienstleitung verdienen.

Für meine Gäste ist es immer etwas Besonderes, dieses uralte Ritual, welches nach wie vor für die Sherpas und die Tibeter eine immense Bedeutung hat, ganz hautnah und sehr authentisch zu erleben.

Und weil die Puja so eine große Bedeutung hat, ist es vielleicht keine schlechte Idee, ihr einen eigenen Beitrag zu widmen.

 

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