Ein Sportklettertraum, Teil 2

Das Klettern boomt. Die Entwicklung in den letzten 30 Jahren ist diesbezüglich atemberaubend. Es wäre sicher lohnend, sich Gedanken darüber zu machen, warum das eigentlich so ist. Das erste, was mir dazu einfällt, ist die zunehmende Abwesenheit von greifbaren Zielen in unserem Alltag. Sie kommen uns abhanden, vor allem in unserem Berufsalltag. Zahlen und Termindruck bestimmen unser tägliches Arbeitsleben und immer weniger das sichtbare und mit Händen zu greifende Produkt schöpferischer Arbeit.

Wir Menschen brauchen aber klare, abrechenbare Ziele, die wir auch visualisieren können. Solche Ziele haben die Macht, enorme Triebkräfte in uns auszulösen. Doch die Leute befinden sich in ihrem Hamsterrad, rennen und rennen, aber kommen nie irgendwo an.

Links klettert Patrick die Route „Muhtar“ im Sektor Magara/Sag Right. Rechts ein Kletterer an einer riesigen Säule in Trebenna.

Und so beginnen viele von denen, welche die Gefahr erkannt haben, in anderen Lebensbereichen als an ihrem Arbeitsplatz nach Zielen, aber auch nach Bindung und Tiefe zu suchen. Und da bietet das Klettern ein perfektes Betätigungsfeld. Die Ziele sind hier glasklar vorgegeben. Aber auch Gemeinschaft und Vertrauen spielen beim Klettern eine große Rolle. Sicher ein Grund unter vielen anderen, warum sich das Klettern zunehmender Beliebtheit erfreut.

Gemeinschaft, Nähe, Vertrauen. Beim Klettern wird zusammengearbeitet, oft ist man sich auf Gedeih und Verderb gegenseitig ausgeliefert. Der Sicherungsmann birgt für Gesundheit und Leben seines Vorsteigers. Schon bei der Auswahl der Route geht das los.

Aber ich schweife ab. Wir sind an der türkischen Riviera in Geyikbayiri. Das soll eines der besten Sportklettergebiete der Welt sein, wurde mir gesagt. Also habe ich mich zum Ende des vergangenen Jahres auf den Weg gemacht und war sogleich ziemlich erstaunt, wieviel dort los war. Offensichtlich hat sich die Qualität dieses Gebietes schon herumgesprochen.

Im ersten Teil ging es um eine Reihe von ganz offensichtlichen Pluspunkten von Geyikbayiri: Die einfache Anreise, die kurzen Wege im Klettergebiet, die sehr gute Qualität der klettertechnischen Infrastruktur, eine Reihe sehr attraktiver, regensicherer Klettersektoren.

Antalya und das Meer sind nur etwa 40 Autominuten entfernt. Also ohne Stau. Wenn man Pech hat, können aus den 40 Minuten auch schon mal drei Stunden werden.

Jetzt im zweiten Teil kommen noch ein paar dazu: Die Nähe zum Meer ist so einer. Hier an der türkischen Riviera kann man sehr gut selbst im Winter, den es hier eigentlich nicht gibt, einen Pausentag am Strand einschieben. Und wenn die Sonne scheint, und das tut sie hier oft, dann ist es auch im Dezember für unsere Verhältnisse sommerlich warm.

Ebenfalls nicht zu verachten ist die türkische Küche. In unserer Unterkunft war das Essen absolut einmalig. Solch eine Üppigkeit habe ich in einer Bleibe für Kletterer noch nie erlebt. Da fehlen mir glatt die Superlative, ein Bild muss her:

Das hier ist nur das Salatbüfett. Das Hauptgericht und die Vorsuppe fehlen auf dem Foto. Dafür ist der Kuchen mit auf dem Bild sowie Stefan und Uwe, meine beiden immer hungrigen Mitstreiter. Rechts, das ist die famose Köchin in unserer Unterkunft.

Ob allerdings das Folgende einen Pluspunkt wert ist oder eher einen Minuspunkt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Uwe klettert „Nirvana“ im Sektor Magara/Sag Right.

In Geyikbayiri wird einem nichts geschenkt. Hier ist es ganz sicher nicht so, wie zum Beispiel im griechischen Leonidio, wo man plötzlich auf wundersame Weise ein bis zwei Grade besser klettert als woanders. Die Einstufung der Schwierigkeiten ist eher realistisch bis streng.

Außerdem ist die Anzahl schöner, moderater Routen im fünften und unteren sechsten französischen Grad doch überschaubar. Geyikbayiri ist, vorsichtig ausgedrückt, kein besonders ergiebiges Klettergebiet für Anfänger. Minuspunkt!?

Was die Absicherung anbelangt, so ist sie durchaus sportkletterkonform, aber keineswegs „südfranzösisch“, was soviel wie besonders üppig bedeutet. Es gibt schon mal Situationen, in denen man lieber nicht abfallen möchte. Aber das will man ja eigentlich nie, jedenfalls ich.

Das Gebiet von Geyikbayiri ist übrigens nicht das einzige Klettergebiet an der Türkischen Riviera rund um Antalya, jedoch mit deutlichem Abstand das größte. Mehr als die Hälfte des sehr guten Kletterführers von Ötztürk Kayici nimmt Geyikbayiri ein, die anderen acht Gebiete die zweite Hälfte. Doch ein Klettergebiet sticht aus diesen acht heraus. Erstens, weil es wiederum das umfangreichste dieser acht anderen ist. Zweitens, weil der Strand hier nicht nur ganz nahe, sondern auch sehr schön ist. Und drittens, weil man das ganze Gebiet, das nach der antiken Stadt Olympos benannt wurde, als großes, antikes Freilichtmuseum bezeichnen könnte.

Olympos gehört heute zum Ortsteil Yazır der Stadt Kumluca in der Provinz Antalya. Sie ist von  Antalya knapp 90 km entfernt. Der Name leitet sich von dem Berg Olympos ab, dem heutigen Tahtalı Dağı, an dessen Fuß die Stadt lag.

 

 

 

 

 

 

Links der Berg, der früher Olympos hieß und heute Tahtalı Dağı genannt wird (Foto: Wikipedia). Rechts sind wir am Strand unterwegs zu unserem Kletterspot.

Das antike Olympos hat eine sehr bewegte Geschichte. Wann sie genau begann, ist nicht exakt bekannt, vermutlich zu Beginn der hellenistischen Epoche. Diese dauerte vom Regierungsantritt Alexanders des Großen von Makedonien 336 v. Chr. bis kurz vor Christi Geburt.

Die über 2000 Jahre alten Ruinen der Stadt können noch heute besichtigt werden. Aber selbst wenn man Ruinen nicht besonders schätzt, sollte man eine andere Sehenswürdigkeit auf keinen Fall versäumen.

Die über 2000 Jahre alten Ruinen von Olympos im Hintergrund. Wir laufen an ihnen vorbei auf dem Weg zu unserem Klettersektor.

Olympos war zu seiner Blütezeit für den dortigen Hephaistos-Kult berühmt. Hephaistos ist in der griechischen Mythologie der Gott des Feuers, der Schmiedekunst und der Vulkane. Und dass gerade dieser Kult hier so populär gewesen ist, wie antike Berichte belegen, liegt an der Chimaira. Und hier ist ein weltweit extrem seltenes Naturphänomen zu bewundern.

Dieses altgriechische Wort Chimaira bedeutet soviel wie „brennender Stein“. Aus dem felsigen Boden eines Berghangs ganz in der Nähe von Olympos schlagen in zwei getrennten Arealen an mehreren Stellen Flammen heraus. Seit mindestens 2500 Jahren brennen die Feuer ohne Unterbrechung.

Der Sektor Hörgüc Magara Sag in Olympos. Links klettert Stefan die Route „Kus gribi“. Rechts steigt Patrick eine noch namenlose Route in einem benachtbarten Sektor vor, die nicht in unserem Kletterführer zu finden war.

Das Feuer entsteht durch Verbrennung von Gasen, die aus Rissen, Spalten und kleineren Öffnungen eines felsigen Abhangs austreten. Das sehr entzündliche Gas besteht zu 60 Prozent aus Methan. Stickstoff ist zu etwa 30 Prozent enthalten, der Sauerstoffanteil beträgt 10 Prozent.

Aber ich schweife schon wieder ab. Doch wenn man in der Nähe ist, unbedingt anschauen!

Man könnte seinen Kletterurlaub an der türkischen Riviera sehr schön teilen: Die erste Hälfte in Geyikbayiri, die zweite in Kumluca, der Stadt, zu welcher die Ruinen von Olympos heute gehören. Strand, Sonne, Meer und die Kletterfelsen gleich um die Ecke sind eine wirklich gute Kombination, vor allem mitten im nasskalten deutschen Winter.

Die ewigen Feuer von Olympos! Die brennen dort einfach so vor sich hin. Seit mindestens 2500 Jahren.

Aber einen Wermutstropfen gibt es doch. Ich liebe nun mal die hohen Wände. Dieses Gefühl weit oben über allem zu sein, allein, frei, weg vom Lärm der Zivilisation, das ist es, was mich beim Klettern am meisten begeistert und anzieht.

Es fasziniert mich, immer höher und höher zu steigen und die Menschen unter einem auf Sandkorngröße schrumpfen zu sehen. Die ganzen Kleinlichkeiten, die ich mit mir herumtrage, schrumpfen ebenfalls, der Blick weitet sich, neue Perspektiven tun sich auf. Aber die hohen Wände gibt es hier leider nicht.

Trotzdem! Ich könnte mir sehr gut vorstellen, hierher zurückzukommen. Denn wer sich jeden Tag dicke Arme holen will und vielleicht sogar Lust auf antike Ruinen hat und beim Klettern auch auf Sonne, Strand und Meer nicht verzichten kann, der ist hier an der türkischen Riviera bestens aufgehoben. Es gibt hier einfach zu viele Pluspunkte auf einen Haufen.

zum Teil 1

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