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Die Erstbesteigung des Cho Polu in der Nachmonsunsaison 1999

Expeditionsbericht von Dr. Olaf Rieck


Der Cho Polu von Südwesten im Abendlicht

Die Unternehmung, über die im Folgenden berichtet werden soll, ist die Erstbesteigung des 6735 Meter hohen Cho Polu in der Everest-Region des nepalesischen Himalaya. Ich möchte interessierte Bergfreunde in diesem Expeditionsbericht vor allem mit den Dingen konfrontieren, die zu den am Berg notwendigen Entscheidungen geführt haben. Nichts von dem, was wir uns im Vorfeld bei der Erarbeitung der Strategie und Taktik für die Besteigung ausdachten, hatte dann in der harten Realität vor Ort Bestand. Ständig mußten wir uns an die neu vorgefundenen Bedingungen am Berg anpassen, alte Entscheidungen über den Haufen werfen, neue treffen. Wir mußten improvisieren vom ersten bis zum letzten Tag. Das fing schon bei der Auswahl des Berges selbst an.

Der Gipfel auf dem nächsten Bild ist der berühmte Island Peak, 6189 m hoch. Er ist sicher einer der meist bestiegenen Sechstausender Nepals. Sein Name stammt von dem berühmten britischen Bergsteiger Eric Shipton, der sich bei seinem Anblick an eine Insel erinnert fühlte, umgeben von einem Meer aus Gletschereis.


Der Island Peak vom Gipfel des Cho Polu aus aufgenommen

Der Island Peak, den die Sherpas Imja Tse nennen, steht in der Khumbu-Region des Himalaya im Nordosten Nepals, in welcher der Mount Everest, der Lhotse und auch der Cho Oyu zu finden sind. Im Februar 1997 war ich mit einer Freundin an diesem Berg unterwegs. Wir wollten ihn im Winter besteigen und einen kleinen Film über diese Besteigung drehen. Im Jahr zuvor waren wir hier ebenfalls im Winter wegen starken Schneefällen gescheitert. Diesmal also 1997 klappte alles, unsere Miniexpedition kam auf den Gipfel.

Vom höchsten Punkt des Berges reicht der Blick nach Westen weit über die Gipfel der Everest-Region. Den Everest selbst, er steht in nordwestlicher Richtung, kann man von hier aus nicht sehen. Denn unmittelbar vor einem ragt im Norden die Lhotse-Südwand auf und verdeckt den Everest. Der Blick vom Island-Peak-Gipfel hinüber zu dieser ungeheuerlichen Wand, gehört für mich zu einem der spektakulärsten Bergblicke der Welt.


Die Lhotsesüdwand ist eine der höchsten und gefährlichsten Felswände der Welt

Jede Rippe, jeder Vorsprung, jedes Band, jeder Pfeiler dieser dreieinhalbtausend Meter hohen Wand kann mit bloßem Auge begutachtet werden. Und man fragt sich, wie Menschen auf die Idee kommen können, in eine solche furchterregende Wand einzusteigen.

Für mich damals am interessantesten war jedoch der Blick nach Osten. In dieser Richtung steht ein anderer Achttausender. Aber mir hatte es nicht der gewaltige Makalu angetan, der einem mit seiner Nähe und Größe fast den Atem verschlägt, sondern ein kleiner in meinen Augen wunderschöner Sechstausender, von dem ich damals noch nicht einmal seinen Namen kannte. Er versteckt sich hier am rechten Bildrand.


Der Makalu mit seiner 1997 erstmals durchstiegenen Westwand

Die Karte gibt seine Höhe mit 6677 Metern an und seine in unsere Richtung zeigende Westseite weist eine logische und sehr schöne Anstiegsroute auf. Immer wieder fesselte gerade dieser Gipfel damals meine Aufmerksamkeit, und ich fotografierte ihn öfter als die ganz großen rings um ihn herum.

Gleich nach dem wir wieder zu Hause waren, lernte ich während eines Diavortrages in Dresden Markus Walter kennen. Er bat mich, ihm alle Bilder zu zeigen, die ich vom Gipfel des Island-Peak fotografiert hatte.


Markus Walter

Markus interessierte sich auch gerade für diesen Sechtausender und machte mich mit einem Buch des Polen Jan Kielkowski bekannt, in welchem er als unbestiegen aufgeführt und Num Ri genannt wurde. Wir beschlossen, an diesen Berg zusammen einen Besteigungsversuch durchzuführen und begannen auch sogleich mit den Vorbereitungen, organisierten gemeinsame Klettertouren, um uns kennenzulernen und trainierten häufig zusammen. Im Herbst 1998, so unser Ziel, sollte die Expedition stattfinden. Lange Rede kurzer Sinn, trotz intensivster Bemühungen gelang es uns nicht, eine Genehmigung für den Num Ri zu bekommen. Denn er befand sich zu dieser Zeit nicht auf der Liste der für Expeditionen geöffneten Berge. Schon das allein läßt die Schwierigkeiten mit den nepalesischen Behörden ahnen.

Da wir uns aber nun mal vorgenommen hatten, eine gemeinsame Expedition zu starten, sollte sie auch stattfinden. Und der Ziele in der Everest-Region gibt es mehr als genug. Es sollte auch unbedingt dieses Gebiet sein, weil Markus noch nie hier war. Wir brauchten nicht lange zu suchen, denn der Nachbarberg des Num Ri in nördlicher Richtung zieht sowieso sofort jede Aufmerksamkeit auf sich.


Cho Polu Westwand

Der Cho Polu gehört mit seiner verblüffend regelmäßigen Form, seinen 6735 Metern Höhe und seiner atemberaubend steilen aber machbaren Westwand zu den Blickfängen in der Khumbu-Region. Allerdings flößte mir diese 60-70 steile und anderthalb Kilometer hohe Wand einen heiden Respekt ein. Dennoch sollte gerade sie unser Ziel werden.

Der Cho Polu war laut der Recherchen von Jan Kielkowski drei Mal über den Nordgrat bestiegen, die Westwand hatte jedoch noch kein Mensch je betreten. Wir verschoben die ganze Sache um ein Jahr und schafften es, zwei der erfahrendsten und besten Bergsteiger Ostdeutschlands als Partner zu gewinnen: Dieter Rülker, jahrzehntelang aktives Mitglied, Teamchef und Trainer der DDR-Alpinistik-Nationalmannschaft. Und Günter Jung, ebenfalls ein ehemaliges Mitglied dieser Nationalmannschaft. Allerdings drückten die beiden mit zusammen 120 Jahren den Altersdurchschnitt unserer kleinen Expedition ganz schön nach oben.

Dieter Rülker Günter Jung

Die Beschaffung des Permits für den Cho Polu ging reibungslos vonstatten, da er auf der schon erwähnten Liste der Nepalesischen Mountaineering Association verzeichnet ist. Allerdings wurde er dort als noch unbestiegener Berg aufgeführt, was mich nach den Informationen aus dem Kielkowski-Buch wunderte.

Doch richtig interessant wurde es, als uns unmittelbar nach unserer Ankunft in Nepal Elisabeth Hawley aufsuchte, um uns wie immer nach allen Regeln der Kunst über unser Vorhaben zu verhören. Sie teilte uns mit, daß die Angaben in dem Buch des Polen nicht mit ihren Informationen übereinstimmten. Auch sie hielt den Cho Polu für unbestiegen. Diese Information allerdings sorgte doch für eine ganze Menge Aufregung bei einigen von uns, denn Elisabeth Hawley ist nicht irgend jemand in Kathmandu. Seit 1962 lebt sie in der nepalesischen Hauptstadt und trifft seit dieser Zeit alle permitpflichtigen Expeditionen vor ihrer Abreise in die Berge und nach ihrer Rückkehr. Frau Hawley ist weltweit die letzte Instanz, wenn es um Erfolg oder Mißerfolg bei Expeditionen im nepalesischen Himalaya geht. Alle großen alpinen Fachzeitschriften weltweit beziehen ihre Informationen von der Neuseeländerin. Erst wenn Frau Hawley eine Expedition für geglückt hält, wird sie auch von den internationalen Fachzeitschriften und Organisationen anerkannt.


Elisabeth Hawley in ihrer Wohnung im neuseelländischen Konsulat

Sie lud uns sogar in ihre Wohnung im neuseeländischen Konsulat ein, wo sie nach den fast vierzig Jahren Arbeit ein bemerkenswertes Archiv aufbewahrt. Wir recherchierten gemeinsam, lasen in Fachzeitschriften, schickten Faxe in die ganze Welt und ließen uns Informationen zurücksenden von amerikanischen, spanischen und japanischen Mountaineering Organisationen.

Inzwischen wissen wir, daß der angebliche Erstbesteiger, Norman Hardie, nach eigenen Abgaben nie oben war und das auch nie behauptet hat, daß eine Japanische Expedition 1964 zwar die Besteigung verkündete, ihr Gipfelfoto aber zweifelsfrei den Cho Polu in einiger Entfernung zeigt, und das zwei weitere japanische Expeditionen bei Versuchen am Cho Polu scheiterten. Soviel ist sicher. Was nicht sicher ist, ob ein spanischer Bergsteiger, Nils Bohigas, im Alleingang, illegal und ohne ein Gipfelfoto gemacht zu haben, den Gipfel erreicht hat.

Am 15. Oktober trafen wir alle in Namche Basar zum ersten Mal zusammen, wo gerade der allwöchentliche Basar tobte und wir uns noch mit ein paar frischen Lebensmitteln versorgten. Namche ist der Hauptort in der Khumbu-Region etwa 3400 m hoch gelegen. Alle, die weiter hinauf wollen, müssen hier beginnen, sich zu akklimatisieren.


Basar in Namche

Zwei Tage später ging es mit 17 Yaks los in Richtung Cho Polu-Basislager. Der Monsun dauerte im vergangenen Jahr ungewöhnlich lange und so waren die letzten Ausläufer noch gegen Ende Oktober zu spüren. Als wir am Abend des 19. Oktober das letzte Dorf vor unserem Basislager erreichten, begann es zu schneien. Die folgende Schlechtwetterperiode brachte 50 Stunden ununterbrochenen Schneefall. Verschiedene Versuche uns anschließend durch den teilweise grundlosen Schnee zu wühlen, schlugen fehl und ein Weitermarsch mit den schwer beladenen Yaks erschien schon ganz und gar unmöglich.

Es blieb uns, wollten wir überhaupt unser Basislager erreichen, nichts weiter übrig, als einige Tage damit zuzubringen, mit Schaufeln bewaffnet einen einigermaßen gangbaren Pfad für die Yaks freizulegen. Eine wahre Sysyphusarbeit im metertiefen Neuschnee der vergangenen Tage, denn die verbleibende Strecke betrug noch reichlich zwölf Kilometer.


Sowohl die Yaks als auch wir versanken im Tiefschnee

Trotz unseres selbstzerstörerischen Kraftaktes kamen die Yaks nicht wei-ter, als bis zum Fuße des Island Peaks, immer noch etwa vier Kilometer von unserem geplanten Ba-sislagerstandort entfernt. Angesichts der uns nun auch noch bevorstehenden Schlepperei von 17 Yakladungen Ausrüstung, errichteten wir unser Basecamp nicht am geplanten Stand-ort sondern schon deutlich vorher.

Am 24. Oktober übernachteten wir hier das erste Mal. Trotzdem dauerte es noch weitere drei Tage, ehe wir vier gemeinsam mit unserer Küchenmannschaft die Ausrüstung an Ort und Stelle getragen hatten und endlich damit beginnen konnten, uns einigermaßen häuslich einzurichten. Und das, also häuslich einrichten, bedeutete sozusagen als dickes Ende, auch noch das Lager selbst aus dem Schnee auszugraben.


Unser Basislager am Cho Polu

Unsere Küchencrew bestand aus dem Koch Rinji Pasang Sherpa, welcher gleichzeitig als Shirdar fungierte und der streng genommen kein einziges Wort Englisch sprach, und dem Küchenjungen Ram Kumar Gurung.

Die beiden haben uns bei der ganzen Schinderei ganz schön im Stich gelassen, was wir ihnen aber kaum übel nahmen. Sie hielten uns wohl einfach für verrückt. Und bei soviel Verrücktheit und der vermeindlichen Aussichtslosigkeit unseres Unterfangens waren die zwei nur schwer zum Schneeschippen zu motivieren. Bei der Ausrüstungsschlepperei wiederum halfen sie fleißig mit, was ebenfalls gut zu verstehen war. Schließlich brauchten die beiden den Krempel genauso nötig wie wir.

Rinji Pasang Sherpa Ram Kumar Gurung

Auf die Bergausrüstung traf das allerdings nicht zu, die brauchten nur wir. Für die Cho Polu-Westwand mußten wir uns für alle Eventualitäten wappnen. So hatten wir vom Firnanker über Felshaken und Friends bis hin zu Eisschrauben und Snarks alles dabei. Die ganzen Sicherungsmittel wurden dann auch tatsächlich gebraucht. Eigentlich waren nur zuviele Fixseile vor Ort und unseren Appetit hatten wir ein wenig überschätzt, was allerdings auch daran lag, daß unser Verbindungsoffizier sich nur zwei ganze Tage dort oben sehen ließ und wir für ihn die Verpflegung mit eingeplant hatten.


Fast unsere gesamte Bergausrüstung auf einen Blick

Am 28. Oktober, durch die Schneemengen eine ganze Woche später als erhofft, hatten wir es so einigermaßen vollbracht, im Basislager mit all unserer Ausrüstung angekommen zu sein. Und eigentlich waren wir alle zu diesem Zeitpunkt fix und fertig.

Unser Lager befand sich etwa 200 Höhenmeter oberhalb und etwa zwei Kilometer weiter nördlich des rund 5000 m hoch gelegenen Island Peak-BC, welches in der Regel direkt vor der Südflanke des Berges errichtet wird. Der Standort des Cho Polu-Basislagers entspricht exakt dem Platz an dem wir im Herbst 2002 auch das Num Ri-Basislager errichten werden (siehe Num Ri, Menüpunkt Route bzw. Lagekarten)

Das Cho-Polu-Basecamp wird durch den kilometerbreiten, wildzerrissenen Lhotse-Shar-Gletscher vom Bergfuß getrennt. Diesen Gletscher zu überqueren bzw. überhaupt erst einen Weg hier hinüber zu finden, war unsere erste Aufgabe. Wie schwierig dies mitunter sein konnte, wußten wir von Frau Hawley. Denn die letzte Cho Polu-Expedition von Japanern 1995 scheiterte genau daran.


Der Lhotse-Shar-Gletscher und Scharte zwischen Shartse und Cho Polu (Col Hardie)

Der Gletscher war vielleicht drei oder vier Kilometer breit an der Stelle, an welcher wir ihn zu überqueren versuchten. Und er war übersät mit Wasserläufen und Spalten. Doch eigentlich begann das Problem mit diesem Gletscher sogar schon bevor wir ihn überhaupt betreten hatten.

Wir mußten zu allererst mal eine Stelle finden, an welcher wir die steilen Moränenhänge aus jederzeit absturzbereiten Steinen hinunter kommen konnten. Teilweise waren diese Abbrüche 100 und mehr Meter hoch, und wir mußten lange suchen, ehe wir eine einigermaßen sichere Stelle ausfindig gemacht hatten. Hier brach die Moräne nicht vertikal sondern mehr oder weniger stufenförmig zum Gletscher hin ab, so daß mit Hilfe eines fest installierten Seils ein einigermaßen gefahrloses Abseilen auf das Gletschereis hinunter möglich wurde.

Immer auf der Suche nach einem halbwegs gangbaren Weg, mit riesigen Rucksäcken und knietief im Neuschnee spurend, versuchten wir nun auf die andere Seite zu kommen. Zuerst wollten wir am Fuße der Westwand ein Materialdepot anlegen. Um das erste Hochlager aufzustellen, waren wir uns noch nicht genug im Klaren darüber, wie wir die Besteigung überhaupt durchführen wollten.


Markus beim Überspringen einer der unzähligen Spalten

Unser ursprünglicher Plan sah vor, die Westwand des Cho Polu von einem kleinen Wandfußlager aus möglichst an einem Tag zu durchsteigen. Der Abstieg sollte dann auf der vermeindlichen Normalroute über den Nordgrat und das Col Hardie erfolgen. Auf dem Col wollten wir eine Nacht verbringen und dann zum Wandfußlager zurückkehren. Diese einfachste aller Varianten begannen wir uns aber langsam abzuschminken, denn mit Lawinenabgängen über seine Westwand zeigte uns der Cho Polu immer wieder geräuschvoll, was er von uns und unseren schönen Plänen hielt.

Doch noch waren wir nicht weich geklopft genug, um von unserem Westwandplan vollends abzurücken, sondern wir begannen erst einmal nach Alternativen und Verbesserungen in unserer Strategie zu suchen, zumal im Hinterkopf auch immer noch der Gedanke daran festsaß, daß wir womöglich, wenn wir denn auf den Gipfel kämen, nach Elisabeth Hawley die Erstbesteiger wären. Also dachten wir darüber nach, unseren Rückzug im Anschluß an die Durchsteigung der Westwand besser abzusichern, um auf diese Weise unsere Erfolgschancen zu erhöhen.


Cho Polu mit Westwand, Nordgrat und Col Hardie

So kam uns in den Sinn, daß Rückzugslager als festes Hochlager Nummer 2 auf dem Col Hardie schon zu errichten und wenn möglich von dort aus auf dem Nordgrat einen Weg zum Gipfel zu spuren. Der zum Col Hardie abfallende Nordgrat sah zumindest so aus, als ginge das.

Sehr schnell wurde aus der Idee, zuerst das Col Hardie zu erreichen und dort ein Lager aufzubauen, kraftraubende Realität. Das Wort Col kommt übrigens aus dem Französischen und bedeutet soviel wie Paß. Allerdings hatte diesen Paß bisher noch niemand überschritten. Das Col Hardie, also die Scharte zwischen Shartse und Cho Polu, ist bisher lediglich zwei Mal sowohl von der einen als auch der anderen Seite bestiegen worden.

Das erste, was wir nach diesem Entschluß nun zu tun hatten, war unser Materialdepot am Fuße der Westwand des Cho Polu in ein vollständig ausgerüstetes und gut verankertes Hochlager 1 zu verwandeln. Wir gönnten uns drei Ruhetage im Basislager. Dann überquerten wir ein weiteres Mal den nun durch unsere Spur ein wenig entschärften Lhotse-Shar-Gletscher und installierten das Camp.

In unserem Lager 1, stand nun die nächste Etappe in Form der 800 m hohen Eiswand hinauf zum Col Hardie direkt vor uns. Dieses Lager als Startpunkt für den Aufstieg, lag etwa auf 5400 m, das Col war mit 6183 m angegeben. Am 1. November begannen wir nach einer eiskalten Biwaknacht, wir maßen im Vorzelt -23C, um 4 Uhr mit dem Schnee-schmelzen und Kochen.


Aufstieg zum Col Hardie

Der Aufstieg durch die von Seracs bedrohte Eisflanke auf der Westseite des Col Hardie ist technisch eigentlich nicht übermäßig kompliziert. Jedoch verlangte die steile Eiskletterei durch teilweise blankgefegte Couloirs aus sprödem Eis mit den schwe-ren Rucksäcken volle Konzentration. Neben der Kletterei und Wegsuche mußten wir ja gleichzeitig die komplette Hochlageraus-rüstung und Verpflegung für mehrere Tage hinaufschleppen. Den Vorstieg übernahm meistens Dieter, der ja von uns allen die größte Erfahrung in solchen Wänden hatte. In den steilen Eispassagen kamen wir trotz Seilsicherung in Viererseilschaft zügig voran, doch immer wieder zwi-schengelagerte flachere Schneehänge machten uns im teilweise grundlosem Schnee mit anstrengender Spurarbeit schwer zu schaffen. Darum wurde bald klar, daß wir das Col an diesem Tag nicht mehr erreichen würden. Und so suchten und fanden wir inmitten der Serac-Abbrüche einen vor Eisschlag ganz passabel geschützten Biwakplatz auf einer kleinen Schneekanzel, wo wir eine weitere bitterkalte Nacht verbrachten.


Querung kurz unterhalb der Gratkante auf der Suche nach einem Biwakplatz

Am nächsten Tag benötigten wir noch einmal drei Stunden bis zur Gratkante, die wir etwa 100 m nördlich des tiefsten Punktes von Col Hardie erreichten. Eine luftige Querung führte uns direkt in den tiefsten Punkt des Cols. Ehrlich gesagt war ich mir zu diesem Zeitpunkt völlig sicher, daß wir hier oben niemals einen halbwegs sicheren Biwakplatz finden würden. Erstens war der Grat mit gigantischen und dementsprechend gefährlichen Wächten und großen Schneeverwehungen verziert, so daß von nun an Wächtendurchbrüche an der Tagesordnung standen.


Markus steckt in der Wächte

Aber nicht die vom Wind geschaffenen Scheegebilde machten uns dort oben so sehr zu schaffen als vielmehr der Wind selbst. Das Col Hardie, auf welchem wir gerade dabei waren, einen Platz für unser zweites Hochlager zu finden, hatte offenbar für den Wind in unserem Tal eine Art Ventilfunktion. Beinahe ständig heulte der Orkan hier oben und nüchtern betrachtet, war es eigentlich völlig ausgeschlossen, hier oben auf diesem Grat zu biwakieren. Und wir waren nach einer ewig langen Querung auch schon drauf und dran wieder umzukehren, als wir mitten auf dem eigentlich messerscharfen Grat diese Mulde fanden, in welcher nicht nur unsere beiden Zelte Platz hatten, sondern die auch noch ganz passablen Windschutz bot. Plötzlich hatten wir nun doch einen Zeltplatz gefunden und gleich den spektakulärsten, den ich mir vorstellen konnte. Ich hatte nie jemals an einer ähnlichen Stelle biwakiert. Auf der einen Seite also nach Westen schauten wir über das Khumbu mit Ama Dablam, Lhotse-Südwand und den anderen berühmten Gipfeln und auf der anderen Seite präsentierte sich der Makalu in seiner gesamten Größe und Schönheit sowie links neben ihm der Comolonzö mit seinen siebeneinhalbtausend Metern.


Lager 2 mit Ama Dablam

Ein ganz anderer Anblick gab aber überhaupt keinen Anlaß zur Freude, im Gegenteil. Wir hatten von unserem Traumplatz aus auch einen Traumblick den Nordgrat des Cho Polu hinauf. Auf ihm sollte ja die Abstiegsroute nach der Durchsteigung der Westwand verlaufen.

Aber dieser Anblick sah alles andere als traumhaft aus. Vom Basislager aus hatte der Grat eigentlich einen eher flachen und unkomplizierten Eindruck gemacht. Nun aber entpuppte er sich als eine stark überwächtete und von vielen Felsstufen durchsetzte schmale Schneide.


Cho Polu mit Nordgrat

Bei den herrschenden Witterungs-bedingungen wäre ein seilfreies oder als Seilschaft gesichertes Klettern auf den Wächten über den Abbrüchen der Westflanke ein sehr langwieriges und auch gefährliches Unterfangen geworden. Und genau das war vor allem wegen des Windes ganz und gar ausgeschlossen. Die Erfrierungsgefahr ließ eine Durchsteigung des Nordgrates auf diese Art einfach nicht zu. Das galt sowohl für den Weg vom Col Hardie hinauf zum Gipfel als natürlich auch für die umgekehrte Richtung. Also entschlossen wir uns, den Grat zumindest teilweise mit Fixseilen zu versehen. Schon am nächsten Tag wollten wir damit beginnen, doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Die ganze Nacht rüttelte der Sturm an den sorgsam verankerten Zelten, und als der Wind auch am Morgen nicht abflaute, blieb uns nichts anderes übrig, als diesen Sturmtag in den engen Zelten auszusitzen.


Enge im Hochlager

Wir nutzten die Zeit, um uns gemeinsam, eingequetscht auf zwei Quadratmetern, Gedanken darüber zu machen, wie es nun weitergehen sollte. Die Durchsteigung der Westwand war ja nun in weite Ferne gerückt, denn der Nordgrat kam als unsere Abstiegsroute eigentlich nicht mehr in Frage.

Stundenweise nutzten wir die Zeit, immer wenn der Sturm ein wenig abflaute, draußen an der Verankerung der Zelte zu arbeiten. Und wir bauten mannshohe Schneemauern um unsere winzigen Behausungen, weil wir in dieser Nacht wirklich Angst um sie bekommen hatten. Womöglich würden sie nun eine Woche oder länger hier stehen bleiben. Und da war es natürlich wichtig, daß sie diese Zeit auch heil überstanden.

Denn, ob wir wollten oder nicht, war jetzt ersteinmal Abstieg angesagt. Unsere Brennstoffreserven neigten sich dem Ende zu und die Auswahl an Mahlzeiten ließ auch ziemlich zu wünschen übrig. Also seilten wir uns die 800 Höhenmeter in unser Lager 1 am Wandfuß ab.


Lager 1 mit Ama Dablam im Hintergrund

Gegen Mittag trafen wir im Wandfußlager ein, deponierten hier unsere Eisausrüstung und machten uns nach einer längeren Mittagsrast noch am späten Nachmittag daran, den Gletscher in Richtung Basislager zu überqueren. Bis hierher ins Lager 1 hatten wir etwa fünf Stunden gebraucht. Erst nach Einbruch der Dunkelheit kamen wir im Basislager an, wo wir von unseren beiden Köchen mit Kuchen, Whisky und riesigen Mengen zu Essen empfangen wurden.

Nach fünf Tagen Hochlager, vom 1. bis zum 5. November war hier unten im Basislager natürlich all das übliche fällig. Wir beschäftigten uns die nächsten drei Tage überwiegend mit unserer Ausrüstung, unseren Tagebüchern und natürlich mit unserer Verdauung.

Es ging uns wirklich gut in diesen drei Tagen, wir hatten alles, was das Herz begehrt, nur keinen vernünftigen Plan, wie es weitergehen sollte. Unsere Küchenmannschaft holte alles aus sich und dem Küchenzelt heraus, doch die niederschmetternde Bilanz unserer bisherigen Zeit am Berg drückte auf die Stimmung.


Günter schreibt Tagebuch

Es stand jedenfalls fest, daß wir nicht über die Westwand auf und den Nordgrat wieder absteigen konnten. Dafür hätte der Nordgrat mit Fixseilen versichert sein müssen, und das war er nicht. Es kam auch nicht in Frage die Westwand selbst wieder abzuseilen. Dafür war sie zu steil und die Verhältnisse durch den vielen Neuschnee zu schlecht. Es gab hier keine Möglichkeit verläßliche Fixpunkte für das Abseilen zu schaffen.

Der Nordgrat kam für den Auf- und Abstieg zwar noch immer in Frage. Aber Dieter war der felsenfesten Meinung, daß der eine oder andere von uns dann den einen oder anderen Finger würde abschreiben können. Und das wollten wir ja nicht. Tja und dann wurde auch schon über den Abbruch der Expedition geredet.

Aber Gott sei Dank waren ja noch die Zelte oben. Die mußten wir ja auf alle Fälle holen. Diesmal hatten wir ja nicht soviel hinauf zu schleppen und wenn wir erst mal auf dem Col waren, dann würde sicher noch mal nachgedacht werden.


Lager 1 unmittelbar unter der gewaltigen Westwand des Cho Polu

So war es dann auch. Nach drei Ruhetagen im Basislager und einer Nacht im Camp 1 am Wandfuß trafen wir am 10. November wieder in unserem Hochlager auf dem Col Hardie ein. Die Schneemauern um die Zelte waren durch die Winderosion teilweise abgetragen, die Zelte wundersamerweise aber trotzdem noch heil und der Wind heulte wie eh und je.

Und genau diese Tatsache brachte uns eigentlich auf die entscheidende Idee. Wenn wir auf den Gipfel wollten, mußten wir aus dem Wind raus. Und das wiederum bedeutete, daß wir das Col Hardie überschreiten mußten, um einen Aufstieg über den Ostgrat oder noch besser die Nordwand zu versuchen. Eine andere Chance hatten wir überhaupt nicht. Wir brauchten uns auf der anderen Seite nur hundert Meter abzuseilen und schon waren wir in dem riesigen Gletscherbecken des oberen Baruntales.


Die andere Seite vom Col Hardie, also die Ostseite

Die Überschreitung von Col Hardie, die wir damit zum ersten Mal überhaupt durchgeführt hatten, war jedenfalls kein Problem. Allerdings rechneten wir unten damit, im Schnee zu versinken. Aber auch diese Sorge war unbegründet, denn der Schnee war windgepreßt und trug uns, so daß wir gut vorankamen.

Unser Ziel war der Fuß der Nordwand. Wir wollten die Verhältnisse in der Wand erkunden und Ausrüstung am Wandfuß deponieren, falls ein Aufstieg möglich erschien. Fest stand jedenfalls, daß die Verhältnisse hier anders sein mußten als auf der Westseite, denn in die Nordwand war seit Wochen kein einziger Sonnenstrahl gedrungen. Weiter als auf dem folgenden Foto schien die Sonne nicht in die Wand. - Auf diesem Bild ist übrigens nur die obere Hälfte der etwa 800 m hohen Wand sichtbar. Unsere Aufstiegsroute sollte in der Gipfelfallinie also fast genau an der Licht-Schatten-Grenze verlaufen.


Die Nordwand des Cho Polu

Nach zwei Stunden Fußmarsch von unserer Abseilstelle standen wir vor dem Bergschrund am Wandfuß. Dieter Rülker war natürlich derjenige, der jetzt die Entscheidungen zu treffen hatte und deshalb stieg er in die Wand ein. Er sollte die Verhältnisse einschätzen. Es war klar, daß sie nahezu perfekt zu sein hatten, denn hier am Wandfuß lag schon die Mittagstemperatur bei minus 25 Celsius. Viel zu kalt also, um einen Vorsteiger zu sichern. Entweder wir konnten in der bis zu 70 steilen Wand seilfrei klettern oder gar nicht.

Als Dieter wieder unten war, brauchten wir nur in sein Gesicht zu sehen, um zu wissen, daß wir Pickel und Steigeisen noch mal benutzten würden auf dieser Expedition. Er war ganz und gar begeistert, hielt die Verhältnisse für ausgezeichnet, jedenfalls für gut genug einen seilfreien Besteigungsversuch im ICE- Tempo zu wagen.


Nordwand mit drei Bergsteigern

Also waren wir am nächsten Tag wieder hier. Wir hatten allerdings schon sechs Stunden kochen, abseilen und Fußmarsch in den Knochen, als wir um 6.00 Uhr morgens mit dem allerersten Licht in die Nordwand einstiegen. Schnelligkeit war vor allem wegen der enormen Kälte angesagt. Das Thermometer zeigte 30 unter Null. Wir vier hatten insgesamt nur eine Trinkflasche, zwei Halbseile und zwei Eisschrauben für den Notfall, ein paar Ersatzhandschuhe und die Klettergurte dabei. Mehr nicht! Und als ich meine Kamera und zwei Objektive herausholte, gab es Ärger.

Im unteren Teil der Wand war die Steilheit noch einigermaßen moderat so um die 50 vielleicht, aber weiter oben sah das anders aus. Ich ließ es dann sein, mich zum Bilder machen umzudrehen und fotografierte nur noch durch die Beine hindurch.


Etwa 100 Meter unter mir klettert Dieter Rülker

Nach etwa vier Stunden Aufstieg im Akkord trafen wir schon im Gipfelbereich auf den Nordgrat. Wir überquerten ihn in die Westseite hinein und gingen in seiner Nähe weiter in Richtung auf den höchsten Punkt.

Von dem Standpunkt hier in 6700 m Höhe hatten wir einen sehr aufschlußreichen Blick hinunter auf das Col Hardie. Sowohl die West- als auch die Ostseite konnten wir von hier oben aus gut einsehen. Sogar unsere Spur von der Abseilstelle am Col Hardie hinüber zur Nordwand und selbst Lager 1 war weit unter uns gut zu erkennen.

Die letzten Meter zum höchsten Punkt des Cho Polu waren sicher die schönsten, die ich je zum Gipfel eines Berges zurückgelegt habe. Ich war ziemlich in Takt dort oben und das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite.


Olaf und Günter Jung auf dem Gipfel

Kaum ein laues Lüftchen wehte, als wir auf dem Gipfel ankamen, die Sonne schien und nach der eisigen Kälte in der Nordwand, war es hier oben regelrecht warm. Der Gipfel selbst bestand aus einem etwa 100 m langen ziemlich ausgesetzten Grat, weshalb wir uns dort oben anseilten, vor allem um gefahrlos fotografieren zu können. Und so hatten wir die Seile auch nicht ganz umsonst mitgeschleppt.

Der Ausblick hier oben war schlicht und einfach sensationell. Und da wir wußten, daß uns nichts trieb, blieben wir fast anderthalb Stunden. Vor allem der Blick hinüber zum Pethangse und weiter nach Tibet interessierte uns. Der Pethangse nämlich steht auch auf der Liste der Nepalesischen Mountaineering Association und zwar ebenfalls unter den noch nicht bestiegenen Bergen .

Großartig war auch der Blick von hier aus auf den Num Ri, den wir nun auch von der anderen Seite studieren und fotografieren konnten. Der Berg hinter dem Num Ri ist der Baruntse.

Pethangse (6738 m) Num Ri (6677 m), Baruntse (7168 m)

Der Makalu wiederum übertrifft, was Eindruck machen anbelangt, sowieso alles, was dort vom Cho Polu-Gipfel zu sehen ist. Vielleicht mit Ausnahme der Lhotse-Südwand, die mich in dieser Region immer wieder am meisten fasziniert.


Der Makalu ist mit 8463 m der fünfthöchste Berg der Erde

Der Abstieg ging reibungslos von statten. Am 12. November waren wir auf dem Gipfel, am 14. hatte uns das Basislager und unsere Köche wieder und acht Tage später trafen wir in Kathmandu ein, wo uns unsere Agentur mit dieser bald quadratmetergroßen Torte erwartete und erst einmal gefeiert wurde.

Soweit zu dieser wirklich großartigen Unternehmung, die für mich zweifellos das Nonplusultra meiner bisherigen Expeditionstätigkeit darstellt. Das besondere war nicht nur die Erstbesteigung des Berges und die erstmalige Überschreitung von Col Hardie. In der Nachmonsunsaison des Jahres 1999 sind auf Grund der schweren Schneefälle Ende Oktober so gut wie alle anderen Unternehmen im nepalesischen Himalaya gescheitert. Am einem Nachbarberg des Cho Polu, dem Baruntse wurden gleich mehrere Expeditionen ausgeflogen, und die hatten schließlich dieselben bescheidenen Verhältnisse wie wir. Viele Expeditionen warfen schon auf dem Weg zum Basislager das Handtuch. Und auch unsere nepalesischen Begleiter hatten dies eigentlich von uns erwartet.

Ein weiterer Grund für die besondere Bedeutung, die diese Expedition für mich bekommen hat, war die gute Zusammenarbeit und Atmossphäre unter den Teammitgliedern. Wer sich auskennt, der weiß, daß dies eher die Ausnahme als die Regel bei derartigen Projekten ist.

Darüber hinaus bot sich mir vor allem die Möglichkeit, von den alten Hasen, die noch mit ganz andern Mitteln und Voraussetzungen in die Berge gegangen sind, zu lernen. Dies war sicher das wichtigste bleibende Ergebnis dieses Unternehmens für mich.

Und zu guter Letzt entsprach natürlich der Charakter dieser Expedition sehr meiner Einstellung zum Höhenbergsteigen: Kleines schlagkräftiges Team, wenig Ausrüstung, keine Unterstützung von außen, also keine Hochträger oder gar künstlichen Sauerstoff. Nur so ist man in der Lage schnell und flexibel auf sich rasch ändernde äußere Bedingungen zu reagieren, was ja die Regel im Hochgebirge ist.


Leipzig


Dr. Olaf Rieck, 26.01.2000
Uwe Gille