arcadia        


Die häufigste Frage, die von interessierten Bergfreunden gestellt wird, wenn es um Erstbesteigungen geht, lautet: Sag mal gibt es überhaupt noch unbestiegene Gipfel? Und woher weiß man, daß es sich bei diesem oder jenem Berg um einen handelt, den noch nie jemand jemals bezwungen hat?


Der Num Ri von Westen. Unsere Aufstiegsroute verläuft über die markanten Hängegletscher.

Die erste Frage wird dann zur Verwunderung der meisten ziemlich rasch und eindeutig beantwortet. Es gibt hunderte wenn nicht gar tausende von bedeutenden Bergen auf unserem Globus, die noch nie jemand versucht hat. Die meisten Menschen machen sich gar keinen Begriff von den gewaltigen Ausmaßen, die die großen Gebirge wie Himalaja, Karakorum, Tienschan, Anden usw. tatsächlich aufweisen. Allein der Himalaja ist annähernd 3000 Kilometer lang. Und auch noch heute gibt es dort ganze Täler, die noch nie ein Mensch betrat.

Frage Nummer zwei ist dagegen schon wesentlich weniger einfach zu beantworten. Unsere Erstbesteigung 1999 auf den 6735 Meter hohen Cho Polu, den Nachbarberg des Num Ri, ist ein Paradebeispiel dafür, das man sich keineswegs auf irgendetwas diesbezüglich verlassen kann. Eine Hilfe bei der Suche nach noch jungfräulichen Gipfeln ist natürlich die Tatsache, daß Erstbesteiger in der Regel sehr darauf aus sind, daß alle Welt von ihrer Heldentat erfährt und deshalb darüber in den wichtigen alpinen Journalen auch nachgelesen werden kann. Wenn also jemand einen Berg entdeckt, den er einfach so gern besteigen möchte, vielleicht nur deshalb, weil er ihn so schön findet, dann muß eben in der Literatur recherchiert werden. Und genau so war es mit unserem Num Ri.


Der Num Ri vom Basislager des Island Peak aus gesehen.

Als Olaf 1994 zum ersten Mal die Khumbu-Himal-Region rund um den Mount Everest durchstreifte, fiel ihm am Ende eines Tales ein wunderschöner Sechstausender auf. Keiner der Leute, denen er dort begegnete, wußte den Namen dieses Berges. Zwei Jahre später war Olaf wieder hier. Er wollte einen Nachbarberg des Num Ri, von dem er damals immer noch nicht den Namen kannte, den Island Peak versuchen. Wieder konnte ihm keiner seiner Begleiter irgendwelche Auskünfte zum Num Ri geben. Doch vom Island Peak aus machte Olaf damals viele Fotos vom gegenüberliegenden Num Ri. Sowohl in diesem als auch im folgenden Jahr blieben die Recherchen vor Ort in Nepal abermals ohne Ergebnis.

Gleich nach dem Olaf 1998 wieder zu Hause waren, lernte er während eines Diavortrages in Dresden Markus Walter kennen. Trotz seiner damals erst 25 Jahre war Markus zu dieser Zeit der erfolgreichste Höhenbergsteiger Ostdeutschlands. Er bat Olaf, ihm alle Bilder zu zeigen, die er vom Gipfel des Island-Peak fotografiert hatte. Markus interessierte sich auch gerade für diesen Sechtausender und machte Olaf mit einem Buch des Polen Jan Kielkowski bekannt, in welchem er als unbestiegen aufgeführt und Num Ri genannt wurde. Beide beschlossen, an diesen Berg zusammen einen Besteigungsversuch durchzuführen und begannen auch sofort eine gemeinsame Expedition zu planen. Was aus dieser Expedition wurde, können Sie unter Cho Polu 1999 genauestens nachlesen.


Der Cho Polu von Südwesten.

Markus und Olaf erfuhren bei den Vorbereitungen zu diesem Unternehmen von ihrer nepalesischen Agentur sehr schnell, daß der Num Ri nicht auf der Liste der für Expeditionen freigegebenen Berge zu finden war. Das hieß für sie im Klartext, daß ihnen die nepalesische Mountaineering Association keine Genehmigung für ihren Traumberg erteilen würde und damit eine legale Besteigung völlig ausgeschlossen war. Deshalb gingen die beiden damals statt zum Num Ri zu einem seiner Nachbarn, dem Cho Polu, an dem ihnen dann eine spektakuläre Erstbesteigung gelang. Trotzdem stellte Olaf Jahr für Jahr immer wieder den Antrag auf eine Besteigungserlaubnis des Num Ri, Permit genannt, und zwar genau bis zum Herbst vorigen Jahres. Zu diesem Zeitpunkt kam nämlich eine Liste mit neu geöffneten Gipfeln heraus. Und siehe da, Olafs Traumberg stand auch mit darauf. Die nepalesischen Behörden hatten also seinen Bitten nachgegeben.

Nun rückte eine Expedition zum Num Ri in greifbare Nähe. Sofort begann Olaf ein Team zusammenzustellen und eine Agentur zu beauftragen, die Logistik vor Ort zu organisieren. Ein Marketingkonzept wurde entworfen, Sponsoren gesucht und gefunden. Und so bleibt uns jetzt nur noch zu hoffen, daß uns der Berg nicht von anderen weggeschnappt wird, denn wir geben es ja zu: Einen noch unberührten Gipfel das erste Mal zu betreten, ist für uns Alpinisten schon das allergrößte.